Warum die wichtigsten Entscheidungen des Jahres genau jetzt fallen

Coffee, open notebook, and pen beside an autumn garden window

Der Herbst zieht das Tempo an. Zwischen Jahresendgeschäft, beruflichen Zielen und privaten Verpflichtungen bleibt oft kaum Zeit, um innezuhalten. Dabei brauchen gerade die wichtigen Entscheidungen mehr als schnelle Reaktionen.

Morgens, kurz nach 6:30 Uhr. Meine Morgenroutine beginnt mit ein wenig Dehnen am offenen Fenster und einem kurzen Moment der Dankbarkeit. Draußen ist es inzwischen richtig herbstlich kühl.

Zehn Minuten, in denen nichts passieren muss.

Genau diese zehn Minuten liebe ich gerade besonders.

Denn danach geht es los. Und Du kennst das vermutlich auch: Der Herbst ist da, es wird früher dunkel, rundherum sind viele müde, erkältet oder nicht mehr ganz so energiegeladen wie im Sommer. Eigentlich würde man jetzt gern ein wenig leiser werden und sich langsam auf den Winter einstimmen.

Gleichzeitig beginnt für viele von uns die intensivste Zeit des Jahres. Bis Weihnachten und zum Jahresende soll noch so viel passieren. Projekte müssen abgeschlossen, Ziele erreicht, Budgets geplant und Entscheidungen getroffen werden. Dazu kommen Familie, Kinder, Freunde, Vereine und all die kleinen Verpflichtungen, die sich nicht einfach bis Januar verschieben lassen.

Der Körper sagt: langsamer. Der Kalender sagt: Gas.

Wenn Geschwindigkeit zur Gewohnheit wird

Versteh mich nicht falsch. Ich liebe Tempo. Ich mag Tage, an denen ich Dinge bewege, Möglichkeiten erkenne und eine Entscheidung die nächste nach sich zieht.

Unser Gehirn ist darin schließlich brillant. Es scannt, sortiert, bewertet und reagiert. Eine E-Mail beantworten, eine Rückfrage klären, den nächsten Termin vorbereiten, zwischendurch noch schnell etwas entscheiden.

Bam. Bam. Bam.

Das ist eine wichtige Fähigkeit im Berufsalltag. Gerade wenn viel gleichzeitig passiert, brauchen wir Menschen, die handlungsfähig bleiben, Prioritäten setzen und ins Tun kommen.

Das ist High Performance. Aber eben nur die eine Hälfte.

Die andere Hälfte heißt Tiefe

Die zweite Hälfte unserer Leistungsfähigkeit zeigt sich nicht darin, wie schnell wir reagieren. Sie zeigt sich darin, wie gut wir nachdenken, abwägen und bewusst entscheiden können.

Dazu gehört,

  • einen Gedanken wirklich zu Ende zu denken, statt ihn beim nächsten Signal wieder zu unterbrechen,
  • nicht sofort auf jeden Impuls zu reagieren, sondern kurz zu prüfen, was tatsächlich wichtig ist,
  • wahrzunehmen, welche Konsequenzen eine Entscheidung hat, bevor wir uns festlegen,
  • und auch einmal auszuhalten, dass eine gute Antwort nicht sofort verfügbar ist.

Das klingt selbstverständlich. Im Arbeitsalltag ist es das längst nicht immer.

In meinen Seminaren beobachte ich immer wieder, wie gut Menschen darin trainiert sind, schnell zu reagieren, Probleme zu lösen und möglichst viel parallel zu bewältigen. Sie haben über Jahre gelernt, zuverlässig zu funktionieren, Verantwortung zu übernehmen und auch unter Druck Ergebnisse zu liefern.

Die schnelle Seite ist hervorragend trainiert. Die tiefe Seite hatte im Kalender oft einfach nie einen eigenen Termin.

Dabei entscheidet gerade sie darüber, ob wir nur beschäftigt sind oder tatsächlich wirksam arbeiten.

Warum das gerade jetzt so wichtig ist

Im Herbst nimmt die Geschwindigkeit in vielen Unternehmen noch einmal zu. Das Jahresende rückt näher, Projekte müssen fertig werden, offene Punkte sollen vom Tisch und die Planung für das kommende Jahr beginnt.

Auch privat verdichtet sich vieles. Termine, Familienorganisation, Geschenkideen, Schulveranstaltungen und soziale Verpflichtungen wollen untergebracht werden.

Und all das versuchen wir häufig zwischen zwei Terminen zu organisieren. Wir treffen Entscheidungen im Vorbeigehen, beantworten Nachrichten nebenbei und überlegen schon beim aktuellen Gespräch, was danach noch erledigt werden muss.

Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig leisten. Das Problem ist, dass wir wichtige Entscheidungen manchmal genau dann treffen, wenn unsere Aufmerksamkeit längst auf mehrere Dinge verteilt ist.

Wir reagieren schneller, als wir reflektieren. Wir erledigen, bevor wir hinterfragen. Und wir sagen zu, obwohl wir eigentlich schon wissen, dass die Zeit dafür kaum reicht.

Die Folgen zeigen sich oft erst später: Die To-do-Liste wächst weiter, der Kopf kommt am Abend nicht zur Ruhe und selbst wenn wir erschöpft ins Bett sinken, fällt das Abschalten schwer.

Wenn alles gleichzeitig wichtig erscheint, wird es umso wichtiger, bewusst zu entscheiden, was wirklich Vorrang hat.

Gesunde High Performance braucht beides

Für mich bedeutet gesunde Leistungsfähigkeit nicht, möglichst lange auf 100 Prozent zu laufen. Es geht darum, die eigene Energie sinnvoll einzusetzen und zwischen unterschiedlichen Arbeitsmodi wechseln zu können.

Manchmal braucht es Tempo, klare Entscheidungen und entschlossenes Handeln. In anderen Situationen brauchen wir Abstand, Konzentration und die Bereitschaft, eine Frage gründlich zu durchdenken.

Beides gehört zusammen.

Wer ausschließlich schnell arbeitet, riskiert, vorschnell zu entscheiden oder sich in den falschen Aufgaben zu verlieren. Wer ausschließlich analysiert, kommt möglicherweise nicht ins Handeln. Wirksamkeit entsteht, wenn wir beides bewusst miteinander verbinden.

Und dafür braucht es nicht gleich einen ganzen freien Tag oder ein mehrtägiges Retreat. Oft beginnt Veränderung mit wenigen Minuten, in denen wir die automatische Reaktion unterbrechen.

Drei Fragen für Deine wichtigsten Entscheidungen

Gerade jetzt, wenn die letzten Wochen des Jahres immer voller werden, lohnt es sich, vor einer wichtigen Entscheidung kurz innezuhalten.

1. Muss ich das wirklich jetzt entscheiden?

Nicht jede Anfrage braucht eine sofortige Antwort. Manchmal ist es klüger, einen Termin für die Entscheidung zu vereinbaren, statt zwischen zwei Gesprächen spontan zuzusagen.

2. Was ist tatsächlich wichtig, und was fühlt sich nur dringend an?

Eine volle Inbox, eine ungeduldige Rückfrage oder ein kurzfristiger Wunsch erzeugen Druck. Sie sagen aber noch nichts darüber aus, welchen Beitrag eine Aufgabe zu Deinen eigentlichen Zielen leistet.

3. Was brauche ich, um eine gute Entscheidung zu treffen?

Vielleicht fehlen noch Informationen. Vielleicht brauchst Du zehn Minuten Ruhe, ein Gespräch mit einer vertrauten Person oder einen Blick auf Deine tatsächlichen zeitlichen Ressourcen.

Diese Fragen kosten wenig Zeit. Sie können aber verhindern, dass Du Dich vorschnell festlegst und später mit den Folgen umgehen musst.

Zehn Minuten, die einen Unterschied machen

Deshalb möchte ich meine kleine Morgenroutine gerade im Herbst nicht missen. Sie löst nicht alle Herausforderungen des Tages. Aber sie schafft einen bewussten Übergang, bevor die Anforderungen von außen übernehmen.

Vielleicht findest Du Deine zehn Minuten beim ersten Kaffee, auf dem Weg ins Büro oder bei einem kurzen Spaziergang vor dem nächsten Termin.

Wichtig ist nicht, dass Du meine Routine übernimmst. Wichtig ist, dass Du Dir überhaupt einen Moment zugestehst, in dem Du nicht reagieren, organisieren oder etwas erledigen musst.

Denn wenn die Tage voller werden, ist bewusste Ruhe kein Luxus. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit dort einsetzen können, wo sie wirklich gebraucht wird.

Und das gilt nicht nur für uns selbst. Auch Unternehmen profitieren, wenn Mitarbeitende und Führungskräfte nicht allein darin unterstützt werden, mehr Aufgaben schneller zu erledigen, sondern auch darin, Prioritäten zu klären, konzentriert zu arbeiten und tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Gesunde High Performance heißt für mich: zu wissen, wann 100 Prozent gefragt sind und wann Tiefe wichtiger ist. Und zwischen beidem bewusst wechseln zu können.

Wie gelingt Dir das gerade jetzt, in der intensiven Zeit bis zum Jahresende?


Über mich

Ich bin Silke Mekat, Trainerin und Coachin für mentale Gesundheit, Stressprävention und Selbstmanagement. Seit über 30 Jahren begleite ich Menschen und Unternehmen dabei, gesunde Leistungsfähigkeit, klare Strukturen und eine gute Balance im Arbeitsalltag zu gestalten. Als Trainerin der Haufe Akademie verbinde ich psychologisches Wissen mit praxiserprobten Methoden für einen wirksamen und nachhaltig gesunden Arbeitsalltag.

Mehr über meine Arbeit und meine Angebote für Unternehmen findest Du auf www.silke-mekat.de.

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