„Ich kann gut Multitasking.“
Diesen Satz höre ich in meinen Seminaren regelmäßig. Vor allem Frauen schreiben sich diese Fähigkeit häufig selbst zu. Telefonieren, nebenbei E-Mails beantworten, ein Auge auf den Kalender haben und gleichzeitig noch eine Kollegin beraten. Das klingt nach hoher Effizienz und wird in vielen Unternehmen sogar als besondere Stärke angesehen.
Die schlechte Nachricht lautet allerdings: Unser Gehirn kann gar kein echtes Multitasking.
Was wir für Multitasking halten, ist in Wirklichkeit ein permanenter Aufgabenwechsel. Und genau dieser Wechsel kostet Zeit, Konzentration und Energie.
Unser Gehirn arbeitet nicht parallel
Nur sehr wenige Tätigkeiten können wir tatsächlich gleichzeitig ausführen. Gehen und sprechen zum Beispiel funktioniert problemlos, weil eine der beiden Handlungen weitgehend automatisiert ist. Sobald jedoch zwei Aufgaben gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen, stößt unser Gehirn an seine Grenzen.
Ein Beispiel:
Du schreibst gerade an einem wichtigen Konzept. Gleichzeitig ploppt eine neue E-Mail auf. Du liest sie kurz, beantwortest sie vielleicht sogar sofort und kehrst anschließend zu deinem Konzept zurück.
Gefühlt hat das nur zwei Minuten gedauert.
Tatsächlich braucht dein Gehirn deutlich länger, um wieder vollständig in die ursprüngliche Aufgabe einzutauchen. Dieser sogenannte Kontextwechsel kostet jedes Mal Konzentration und mentale Energie. Je häufiger wir zwischen Aufgaben springen, desto größer wird dieser Verlust.
Warum wir uns trotzdem produktiv fühlen
Multitasking vermittelt das angenehme Gefühl, viel geschafft zu haben. Schließlich passiert ständig etwas. Hier eine Mail beantwortet. Dort eine Nachricht gelesen. Zwischendurch noch schnell einen Anruf erledigt.
Unser Gehirn belohnt jede abgeschlossene Kleinigkeit mit einem kleinen Erfolgserlebnis.
Das Problem ist nur:
Viele kleine erledigte Aufgaben bedeuten noch lange nicht, dass wir bei den wirklich wichtigen Themen vorankommen.
Genau deshalb berichten viele Menschen am Abend:
„Ich war den ganzen Tag beschäftigt und habe trotzdem das Gefühl, nichts Wesentliches geschafft zu haben.“
Die versteckten Kosten des Multitaskings
Ständiges Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben hat gleich mehrere Folgen:
- Die Fehlerquote steigt.
- Entscheidungen dauern länger.
- Die Konzentration nimmt ab.
- Die geistige Ermüdung setzt früher ein.
- Komplexe Aufgaben benötigen deutlich mehr Zeit.
Besonders anspruchsvolle Tätigkeiten wie Konzepte entwickeln, Angebote schreiben, analysieren oder strategisch denken leiden unter jeder Unterbrechung.
Nicht weil wir zu wenig wissen.
Sondern weil unser Gehirn jedes Mal neu Anlauf nehmen muss.
Single-Tasking ist die eigentliche Superkraft
Die Alternative klingt zunächst unspektakulär.
Immer nur eine Aufgabe.
Dafür mit voller Aufmerksamkeit.
Gerade in einer Welt permanenter Ablenkungen ist diese Fähigkeit jedoch zu einem echten Wettbewerbsvorteil geworden.
Wer sich 45 oder 60 Minuten ausschließlich einer Aufgabe widmet, arbeitet häufig schneller, macht weniger Fehler und erlebt den Arbeitstag deutlich entspannter.
Vier einfache Strategien für mehr Fokus
1. Schließe alles, was du gerade nicht brauchst
Jeder geöffnete Browser-Tab, jedes Chatfenster und jedes blinkende Symbol konkurriert um deine Aufmerksamkeit.
Je ruhiger dein Bildschirm, desto ruhiger arbeitet auch dein Kopf.
2. Arbeite mit Zeitblöcken
Plane für wichtige Aufgaben feste Fokuszeiten ein.
Während dieser Zeit gibt es nur diese eine Aufgabe.
Keine E-Mails.
Keine Nachrichten.
Keine Parallelprojekte.
3. Lege das Smartphone außer Sichtweite
Allein die sichtbare Anwesenheit des Smartphones kann unsere Konzentration beeinträchtigen.
Wer wirklich fokussiert arbeiten möchte, legt das Gerät für eine Weile bewusst weg.
4. Beende eine Aufgabe, bevor du die nächste beginnst
Natürlich lässt sich nicht jede Tätigkeit vollständig abschließen.
Oft reicht aber schon ein sinnvoller Zwischenschritt.
Dadurch fällt der Wiedereinstieg später deutlich leichter.
Reflexionsimpuls
Beobachte dich morgen einmal selbst.
Wie oft wechselst du innerhalb einer Stunde zwischen verschiedenen Aufgaben?
Und wie oft geschieht dieser Wechsel freiwillig oder weil eine Benachrichtigung, eine E-Mail oder eine kurze Rückfrage deine Aufmerksamkeit auf sich zieht?
Vielleicht liegt dein größter Produktivitätskiller gar nicht in der Menge deiner Arbeit, sondern in der Anzahl deiner Unterbrechungen.
Was Unternehmen davon haben
In vielen Unternehmen gilt ständige Erreichbarkeit noch immer als Zeichen von Engagement. Tatsächlich führt sie jedoch häufig dazu, dass Mitarbeitende permanent zwischen Aufgaben wechseln und kaum noch längere Phasen konzentriert arbeiten können.
Wer Fokuszeiten schützt, Unterbrechungen reduziert und klare Kommunikationsregeln etabliert, schafft die Voraussetzungen für mehr Produktivität, weniger Fehler und eine gesündere Arbeitsweise.
In meinen Inhouse-Seminaren zu Selbstorganisation, Zeitmanagement, Stressprävention und mentaler Gesundheit zeige ich Mitarbeitenden und Führungskräften, wie sie ihren Arbeitsalltag so gestalten können, dass konzentriertes Arbeiten wieder möglich wird. Denn gesunde Leistungsfähigkeit entsteht nicht dadurch, möglichst vieles gleichzeitig zu erledigen, sondern dadurch, die richtige Aufgabe mit voller Aufmerksamkeit zu bearbeiten.
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